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Kanu der Maori

 Eric Robert Korewha    Mahagoni    Neuseeland


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Das gezeigte Kunstwerk ist ein reich geschnitztes Waka (traditionelles Māori-Kanu), vollständig aus Holz gearbeitet und als museales Objekt präsentiert. Der langgestreckte Rumpf wird von filigranen Reliefschnitzereien (whakairo) überzogen, die sich rhythmisch entlang der Bordwand wiederholen. Bug und Heck sind hoch aufragend und ornamental ausgeformt; insbesondere das Heck zeigt eine dichte, durchbrochene Schnitzarbeit mit geschwungenen Linien und stilisierten Motiven. Die Innenstruktur mit Querstreben ist sichtbar und verweist auf die handwerkliche Konstruktion. Insgesamt verbindet das Objekt funktionale Bootsbau-Logik mit hochsymbolischer Bildhauerei.


Material und Technik:
Das Werk besteht aus massivem Mahagoni-Holz, das traditionell im Waka-Bau verwendet wird. Die Oberflächenbearbeitung ist präzise, mit klaren Schnitttiefen und bewusst gesetzten Negativräumen. Die Schnitztechnik folgt der klassischen Māori-Tradition des whakairo, bei der jede Linie Bedeutung trägt.

Ornamentik und Symbolik:
Die Muster lassen sich als abstrahierte Darstellungen von Ahnenlinien (whakapapa), Naturkräften und spirituellen Schutzmotiven lesen. Wiederkehrende Spiralen, Wellenformen und gezahnte Linien verweisen auf Meer, Bewegung und genealogische Kontinuität. Bug und Heck fungieren als symbolische Marker von Anfang und Ende – sowohl einer Reise als auch einer Abstammungslinie.

Raumwirkung:
Im musealen Kontext wirkt das Waka wie ein Übergangsobjekt zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Es ist nicht als bloßes Transportmittel zu lesen, sondern als ritueller und sozialer Träger von Identität, der Geschichte, Gemeinschaft und spirituelle Bedeutung vereint.

Die Bedeutung des Waka in der künstlerischen und kulturellen Tradition der Māori

1. Das Waka als Ursprungserzählung

In der Māori-Kultur ist das Waka weit mehr als ein Wasserfahrzeug. Es steht am Anfang der Geschichte: der Geschichte der Menschen, der Iwi (Stämme) und letztlich der Besiedlung Aotearoas (Neuseelands).

Nach mündlicher Überlieferung erreichten die Vorfahren der Māori Aotearoa in mehreren großen Migrationswaka aus Ostpolynesien (u. a. Hawaiki). Zu den bekanntesten zählen etwa Tainui, Arawa, Mataatua, Kurahaupō, Tokomaru und Takitimu.
Diese Waka sind keine abstrakten Mythen, sondern genealogische Referenzpunkte: Viele Iwi leiten ihre Identität direkt von einem bestimmten Waka ab.
Ein Waka ist somit gleichbedeutend mit Herkunft, Abstammung und territorialem Anspruch.

2. Waka und Whakapapa (Genealogie)

In der Māori-Weltanschauung ist Whakapapa – die Abfolge von Beziehungen zwischen Menschen, Ahnen, Göttern und Natur – zentral. Das Waka fungiert dabei als tragende Struktur dieser Genealogie:

• Das Waka „trägt“ die Ahnen buchstäblich nach Aotearoa.

• Es verbindet Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

• Es steht für Kontinuität über Ozeane hinweg.

In der bildhauerischen Umsetzung bedeutet dies:
Jede Schnitzlinie kann als genealogische Linie gelesen werden. Das Waka ist ein dreidimensionales Diagramm von Herkunft.

3. Künstlerische Dimension: Waka als Gesamtkunstwerk
3.1 Whakairo – Schnitzkunst als Wissensspeicher

Die Schnitzereien auf einem Waka sind nicht dekorativ, sondern semantisch aufgeladen. In der Tradition des whakairo fungieren sie als visuelle Sprache:

• Spiralen und Wellenformen → Meer, Bewegung, Migration

• Rhythmische Kerbungen → Zeit, Wiederkehr, Generationen

• Durchbrochene Formen → Übergänge zwischen materieller und spiritueller Welt

Ein Waka ist damit ein mobiles Archiv, das Wissen überträgt, ohne Schrift zu benötigen.

 

3.2 Bug und Heck: Kosmologische Marker

Der Bug symbolisiert Aufbruch, Geburt, Zukunft. Das Heck verweist auf Herkunft, Ahnen und Rückbindung. Die oft monumental ausgearbeiteten Enden eines Waka markieren somit nicht nur physische Richtungen, sondern zeitliche und spirituelle Pole.

4. Navigation, Kosmos und Kunst

Die polynesische Besiedlung Aotearoas war eine der größten navigatorischen Leistungen der Menschheitsgeschichte. Die Vorfahren der Māori nutzten:

• Sternbilder

• Meeresströmungen

• Windrichtungen

• Vogelzüge

Diese kosmologische Orientierung spiegelt sich auch in der Gestaltung der Waka wider. Das Boot wird zu einem Abbild des Universums im Kleinen: Meer, Himmel, Mensch und Ahnen sind untrennbar verbunden.

Künstlerisch bedeutet dies, dass das Waka nicht isoliert gedacht wird, sondern als Teil eines lebendigen Systems, in dem Kunst, Wissenschaft, Religion und Alltag zusammenfallen.

5. Waka im sozialen und rituellen Kontext

Neben den Migrationswaka entwickelten sich unterschiedliche Typen:

• Waka taua (Kriegskanus)

• Waka tīwai (kleinere Alltagsboote)

• Zeremonielle Waka

Besonders reich geschnitzte Waka waren Ausdruck von:

• Mana (Autorität, Prestige)

• Kollektiver Stärke einer Gemeinschaft

• Spirituellem Schutz

Der Bau eines Waka war ein kollektiver Akt, begleitet von Ritualen, Gebeten und strengen Regeln. Auch dies prägt seine künstlerische Bedeutung:
Das Werk ist nie rein individuell, sondern gemeinschaftlich und relational.

6. Kontinuität bis in die Gegenwart

Zeitgenössische Holzbildhauer wie Eric Robert Korewha stehen in dieser Tradition. Wenn Korewha ein Waka schnitzt, entsteht kein historisches Replikat, sondern eine Aktualisierung kulturellen Wissens.
Im musealen Kontext kann ein Waka daher nur unvollständig verstanden werden, wenn es in folgenden Zusammenhänge betrachtet wird. Es ist:

• ein Objekt der Kunst

• ein Träger von Geschichte

• ein Symbol der polynesischen Migration

• ein Medium kollektiver Identität

 

7. Zusammenfassende Einordnung

Das Waka ist in der Māori-Tradition:

• Transportmittel der Besiedlung,

• Metapher für Leben und Reise,

• Skulpturales Manifest von Whakapapa,

• künstlerischer Ausdruck einer kosmologischen Weltordnung.

In der Holzbildhauerei verdichten sich diese Ebenen zu einem Objekt, das zugleich historisch, spirituell, politisch und ästhetisch ist. Die polynesische Besiedlung Aotearoas ist in jedem geschnitzten Waka nicht erzählt, sondern verkörpert.

Kanu der Maori


Gebiet: St. Thames Coromandel

Größe (B × H × T): 400 cm × 130 cm × 45 cm

Entstehungsjahr: 2003

Exponatnummer: 00741