Reinkarnation – Kreislauf des Lebens
I Ketut Muja Saga-Holz, Wurzelarbeit Indonesien
Kontinent: Asien
Gebiet: Bali
Größe (H × B × T): 134 cm × 270 cm × 112 cm
Entstehungsjahr: 2000
Exponatnummer: 00614
Diese imposante Wurzelarbeit widmet sich dem hinduistischen Verständnis vom Kreislauf des Lebens. Dargestellt sind die Stationen eines Menschenlebens: Geburt, Heirat, Geburt von Kindern, das Alter und schließlich der Tod. Können Sie die einzelnen Stationen wiederfinden?
Nach hinduistischem Verständnis ist mit dem Tod nicht das Ende erreicht, sondern der Anfang von etwas Neuem. Nach Vergehen des Körpers ist die Seele des Verstorbenen frei, sie kann wandern und wiedergeboren werden. So entsteht ein ewiger Kreislauf des Lebens. Diesen kann nur durchbrechen, wer im vollkommenenen Einklang mit den Regeln des Hinduismus lebt. Gelingt dies, so geht die Seele in den Zustand des Nirwanas ein und der ewige Kreislauf der Wiedergeburten endet.
"Kreislauf des Lebens" auf Indonesisch: "Siklus Kehidupan"
Die fast drei Meter lange Wurzelarbeit aus Sagaholz erklärt das hinduistische Verständnis vom Weiterleben nach dem Tod und der Verbindung zum Leben.
Wir sehen Stationen eines Menschenlebens: Geburt, Heirat, Kinderkriegen, das Alter und schließlich den Tod. Nach hinduistischer Tradition werden nach dem Tod die Körper verbrannt, um die Seele des Verstorbenen zu befreien. Zunächst wird der Verstorbene im Innenhof seines Hauses aufgebahrt. Dann werden Tiere aus Holz geschnitzt. Welche Tiere geschnitzt werden, hängt von der Kaste ab, der der Verstorbene angehört hatte. Die Holztiere dienen dann als Unterbau für die Verbrennung.
In einer Prozession wird der Tote nun zum Verbrennungsplatz gebracht; nachdem der erreicht ist wird der Tote umgebettet und schließlich mit allem, dem Turm, den geschnitzten Tieren und den Grabtüchern verbrannt. Ist die Asche erkaltet, sammelt man diese mit den Knochenresten zusammen, füllt sie in leere Kokosnussschalen und setzt sie bei Ebbe auf das Meer oder in einen heiligen Fluss z.B. den Ganges. Die Reste des Körpers vergehen so im Nichts und die Seele ist frei, sie kann wandern und erneut wiedergeboren werden.
Die Rückseite des Kunstwerkes zeigt die Mythologie der Wiedergeburt wie der Künstler sie sich vorstellt, die Krokodile tragen den Kosmos. Das Karma der Wiedergeburt ist von den Taten des Verstorbenen abhängig. Nur er selbst kann während seines Lebens seine Seelenwanderung beeinflussen und als was oder in welchem Körper seine Seele wieder auftritt. Dadurch entsetht ein ewiger Kreislauf des Lebens. Nur wenn es gelingt, so zu leben, dass er alle Anforderungen erfüllt, geht seine in den Zustand des Nirwanas ein und sie kann verwehen oder vergehen. Der Kreislauf der Wiedergeburten ist durchbrochen und endet.
Die einzelnen Stationen des Menschenlebens im Kunstwerk
A. Geburt – Eintritt in die Welt (linker Bereich)
Am linken Rand sind kleine, schutzbedürftige Figuren erkennbar:
• liegende oder getragene Körper
• eingebettet in organische Formen
• eng mit dem „Stamm“ verbunden
Deutung:
Dies entspricht der Geburt (Janma) – dem Eintritt der Seele (Atman) in einen neuen Körper.
Im Hinduismus ist Geburt kein Neubeginn, sondern eine Fortsetzung früherer Existenzen, bestimmt durch Karma.
B. Jugend und Sozialisation – Lernen, Eingebundensein
Weiter entlang der Wurzel erscheinen:
• sitzende, arbeitende, lernende Figuren
• Gruppen, die miteinander interagieren
• erste Werkzeuge, Musikinstrumente, Alltagsgesten
Deutung:
Diese Phase steht für Jugend und Eingliederung in die soziale Ordnung.
Der Mensch lernt seine Rolle, Pflichten und Beziehungen – Grundlage für späteres Handeln und neues Karma.
C. Heirat – Bindung an die Welt (zentrale Zone)
Im mittleren Bereich sind Paare erkennbar:
• einander zugewandte Körper
• ruhige, symmetrische Haltungen
• oft leicht erhöht oder zentral platziert
Deutung:
Die Heirat (Vivaha) ist im Hinduismus ein heiliger Akt.
Sie bindet den Menschen fest an die Welt, an Verantwortung, Familie und soziale Ordnung (Dharma).
Spirituell ist dies eine Vertiefung der Verstrickung in Samsara.
D. Geburt der Kinder – Weitergabe des Kreislaufs
Unmittelbar anschließend zeigen sich:
• Erwachsene mit Kindern
• tragende, schützende Gesten
Wiederholung früherer Motive in kleiner Form
Deutung:
Die Geburt von Kindern bedeutet:
• Weitergabe von Leben
• Fortsetzung des Kreislaufs
• gleichzeitige Vermehrung karmischer Bindungen.
Der Mensch wird nun Teil des Mechanismus, der ihn selbst hervorgebracht hat.
E. Alter – Rückzug und Verdichtung
Weiter rechts erscheinen:
• gebeugte, ruhende Figuren
• reduzierte Bewegung
Nähe zu tierischen oder vegetativen Formen
Deutung:
Das Alter (Vanaprastha) ist im hinduistischen Ideal eine Phase des Rückzugs.
Der Mensch löst sich schrittweise von Besitz und Rollen, bereitet sich innerlich auf den Tod vor.
F. Tod – Auflösung des Körpers (rechter Rand)
Am rechten Ende:
• liegende oder herabsinkende Körper
• Auflösung in die Wurzelstruktur
• Übergang in abstrakte, organische Formen
Deutung:
Der Tod (Mrityu) ist kein Ende, sondern:
• das Ablegen des Körpers
• die Freisetzung der Seele (Atman)
• der Übergang in eine neue Existenzform.
Die Seele verlässt den sichtbaren Teil des Werkes – nicht den Kreislauf selbst.
3. Re-Inkarnation: Was im Werk nicht sichtbar, aber mitgedacht ist
Entscheidend ist:
Die Wiedergeburt ist nicht dargestellt als neues „Anfangen“, sondern als logische Fortsetzung.
Die Wurzel:
• schließt sich implizit wieder
• führt unsichtbar zurück zum Anfang
• macht deutlich: Leben ist ein Loop, kein Pfeil.
4. Nirwana / Moksha – das Nicht-Dargestellte
Besonders wichtig:
Nirwana (korrekter: Moksha) ist nicht bildlich dargestellt.
Warum? - Moksha ist kein Ort, keine Form, kein weiteres Stadium. Es ist das Verlassen des Kreislaufs, nicht dessen Höhepunkt. Gerade das Fehlen einer „Erlösungsfigur“ macht die Aussage stark:
Der Normalzustand ist Wiedergeburt – Befreiung ist die Ausnahme.
5. Zusammenfassung
• Das Kunstwerk zeigt ein Menschenleben, nicht das Leben.
• Geburt, Liebe, Familie, Alter und Tod sind Stationen innerhalb von Samsara.
• Der Tod beendet nur den Körper, nicht die Existenz.
• Re-Inkarnation ist kein Rückschritt, sondern Konsequenz von Karma.
• Moksha liegt außerhalb des dargestellten Systems – bewusst unsichtbar.
